Lüneburgs dunkle Seite – Stadtführung mit dem Henker

Er hatte viele Namen: Vollstrecker, Scharfrichter, im Volksmund auch Meister Hans: der Henker. Im Mittelalter, als die Todesstrafe noch an der Tagesordnung war, ein wichtiger, wenn auch nicht gerade ehrbarer Mann. Auch Lüneburg, das durch seine Salzvorkommen im Mittelalter seine Blütezeit erlebte, hatte dieses Amt zu besetzen. Das Berufsbild des Henkers war vielfältig, folglich hat er einiges zu erzählen über das mittelalterliche Lüneburg. Was also liegt da näher, als eine Stadtführung mit dem Henker von Lüneburg?

Ich muss gestehen, ich war skeptisch. Meine Freude am Gruseln hält sich in Grenzen. Um Geisterbahnen mache ich einen großen Bogen und bei Horrorfilmen im Fernsehen schalte ich ab. Aber die Neugier hat gesiegt und so konnte ich die freundliche Aufforderung zur Teilnahme an der Lüneburger Henkerführung einfach nicht ausschlagen.

Tatort Lüneburg

Jeden Sonntag um 18.00 und 20.00 Uhr zieht er mit bis zu 25 Anhängern durch die Straßen. Den Tatort am Sonntagabend kannst Du Dir also sparen, denn hier wird es garantiert auch gruselig und spannend. Wie bezahlt man einen Henker? Pro Kopf, natürlich. Zehn Euro sind fällig – gut investiertes Geld für eine informative wie unterhaltsame Stadtführung der besonderen Art. Ich hatte übrigens Glück und durfte meinen Kopf behalten, und auch mein Geld, denn ich war eingeladen vom Henker höchstpersönlich. Ein bisschen schwarzen Humor solltest Du mitbringen, genau wie Interesse an der Lüneburger Stadtgeschichte. Dabei spielt es keine Rolle, ob Du Einheimischer oder Besucher bist – nur mindestens 16 Jahre solltest Du auf dem Buckel haben, denn einige der Details sind nichts für schwache Kindernerven.

Treffpunkt ist die Tourist-Information am Rathaus. Um Punkt 18 Uhr kommt er über den Marktplatz geschritten: eine stattliche Figur in brauner Kutte, der Großteil des Gesichtes von einer schwarzen Kapuze bedeckt. Nach einer freundlichen Begrüßung jedes einzelnen per Handschlag geht es auch schon los mit einer geballten Ladung Informationen. Denn hier im Rathaus am Marktplatz tagte früher das Gericht. Eine Gerichtsverhandlung lief damals aber noch ganz anders ab als heute. Rechtsgrundlage war der Sachsenspiegel, ein mittelalterliches Rechtsbuch, das mit unseren heutigen Gesetzen nicht zu vergleichen ist. Es herrschte eine gewisse Willkür. „Da durfte ich kreativ werden!“, erzählt der Henker begeistert. Eine wichtige Rolle bei den Gerichtsverhandlungen spielten die Fürsprecher, die das Gericht überzeugen mussten. Auf das Urteil folgte die Vollstreckung. Schnell kommt Meister Hans ins Schwärmen, wenn er von den alten Zeiten plaudert: „Leibeigenschaft, Sklaverei – eine tolle Sache!“.

An der Nord-Ost-Ecke des Rathauses befand sich früher das Niedergericht.

Auf dem Marktplatz zeigt er uns einen Stein mit einem Kreuz darauf. Hier befand sich der Pranger (oder Kaak), an dem die Verurteilten häufig tagelang unbekleidet standen, bis das Urteil vollstreckt wurde. „Ist das nicht wundervoll? Ist das nicht zauberhaft?“ Der Meister reibt sich die Hände.

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Ebenfalls am Marktplatz liegt das ehemalige Lüneburger Schloss, in dem seit 1925 das Landgericht untergebracht ist. Weiter geht es mit einem fröhlichen „Auf, auf und Rübe ab!“. Gleich um die Ecke befindet sich das Untersuchungsgefängnis, das wir beim Gang über die Burmeisterstraße bis hin zur Stadtmauer passieren. Tatsächlich habe ich diese Straße noch nie betreten, obwohl sie doch so zentral liegt, und so ist mir der Stacheldraht auf der Mauer nie aufgefallen.  „NATO-Draht“, schwärmt der Henker, „so etwas Schönes gab es zu meiner Zeit leider noch nicht.“ Auch das Gefängnis existierte zu seiner Zeit noch nicht.

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Das ehemalige Lüneburger Schloss, in dem sich heute das Landgericht befindet.
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Die Gefängnismauer des Untersuchungsgefängnisses

Erst wenige hundert Meter haben wir zurückgelegt, als wir an der Stadtmauer ankommen. Aber gelernt habe ich schon eine Menge. Nicht nur über Lüneburger Geschichte, auch über die Herkunft und Bedeutung zahlreicher Begriffe und Redensarten. Das Schlitzohr, die gespaltene Zunge, unter die Haube kommen und an den Pranger gestellt werden, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch einige Straßennamen erscheinen plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Die Qual der Wahl: Zuhören oder Fotografieren?

Du musst schon sehr gut zuhören, denn der Henker spricht schnell und die Informationsdichte ist hoch. Aber mach Dir keine Sorgen, falls Du, wie ich, mal kurz nicht bei der Sache bist, weil Du wieder ein neues Detail unserer schönen Stadt entdeckt hat, das Du unbedingt fotografieren musst.

Sind Dir diese Figuren an dem Haus in der Baumstraße 3 schon einmal aufgefallen?
Bei der Henkerführung erfährst Du ihre Bedeutung.

Du kommst schnell wieder rein in die Geschichte. Die Schilderungen der Praktiken im Mittelalter sind durchaus lebendig und detailliert, aber so richtig gegruselt habe ich mich ehrlich gesagt nicht. Das liegt wohl an der gehörigen Portion Humor, mit der Meister Hans die düsteren Geschichten aus dem Mittelalter würzt. Freimütig plaudert er aus seinem Berufsleben. Denn mit der einen oder anderen Hinrichtung war er natürlich nicht ausgelastet. Hexenprüfungen und Folterungen standen ebenfalls auf dem Stundenplan, und wer musste damals die Prostituierten im Rotlichtviertel bewachen? Auch das war Aufgabe des Scharfrichters – denn Männer, die ehrbare Berufe ausübten, wollten dort nicht gesehen werden. Auch einen schwunghaften Handel betrieb der Vollstrecker. Womit? Das erfährst Du vor der alten Rathsapotheke.

In diesem ehemaligen Stall befand sich das erste Gefängnis von Lüneburg.

Als kleinen Nebeneffekt stoße ich übrigens bei der Führung auf einige Bildtafeln mit historischen Fotos, die Backsteinwände und zugemauerte Fenster und Türen schmücken. Sie sind Teil der Dauerausstellung „Menschen im Viertel“ der Wasserviertel-Initiative e.V.. Eine dieser Tafeln hatte ich bereits früher einmal entdeckt, nun weiß ich mehr darüber. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich diese Bilder und die dazugehörigen Informationstafeln einmal näher anzuschauen.

Wir erfahren auch, wo der Henker einst wohnte – genauer gesagt die Henkersdynastie, die mehr als 300 Jahre lang in Lüneburg dieses Amt ausübte. Denn der Sohn des Henkers hatte kaum eine andere Möglichkeit, als selbst Henker zu werden, und so vererbte sich der Beruf von einer Generation zur nächsten. Ohne zu viel verraten zu wollen: Der Spruch „Früher Streckbank, heute TARGO-Bank“ war mein absolutes Highlight! Weißte Bescheid? Und welche gängige Foltermethode fällt Dir ein, wenn Du an das Lüneburger Salz denkst? Falls Du es nicht weißt – Meister Hans hat die Antwort.

Ein Henker zum Abendessen

Die Augen des Scharfrichters leuchten, als wir zur Alten Schmiede kommen. Denn hier wurde sein Arbeitsgerät quasi „geboren“: seine Axt, die er liebevoll „Franziska“ nennt. Die Gäste, die im Steakhaus speisen, das dort heute untergebracht ist, sind wohl etwas irritiert, als der Henker an die Scheibe klopft und freundlich winkt.  So mancher, der uns begegnet, macht große Augen ob der seltsamen Truppe, die da durch die Straßen zieht, angeführt von einem Mann in brauner Kutte und mit einer Axt in der Hand. Vor allem der Spruch „Immer schön den Hals waschen, der Henker kommt!“ erheitert die Gemüter.

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Ich könnte noch viel, viel mehr erzählen! Aber dann hättest Du nicht mehr so viel Spaß, und das wäre schade. Also gib Dir einen Ruck und sei dabei. Tickets bekommst Du bei der Tourist-Information. Du kannst den Henker übrigens auch exklusiv für eine Gruppe von bis zu 25 Personen für 165 Euro buchen. Die Führung dauert 90 Minuten und ist von der Strecke her gut zu bewältigen (ungefähr drei Kilometer). Festes Schuhwerk empfehle ich Dir trotzdem, denn der größte Teil des Weges geht über Kopfsteinpflaster. Es mag Damen geben, die das in High Heels bewältigen, aber mein Ding ist das nicht. Etwas atmosphärischer und somit gruseliger könnte ich mir das Ganze noch im Herbst vorstellen, wenn es bei der 20 Uhr-Führung vielleicht schon dunkel ist oder zumindest dämmert. Dazu noch etwas Nebel….. Aber natürlich kann Du dann die schönen Gebäude mit ihren Details nicht mehr so gut erkennen und vor allem fotografieren.

Eine Stadtführung sorgt immer dafür, dass man seine eigene Stadt mal wieder aus ganz anderen Blickwinkeln sieht.

Bleibt die Frage: Was macht der Henker, der ja heute in Deutschland weitestgehend arbeitslos ist, wenn er keine Stadtführungen gibt? Er spielt Theater, spricht Werbebotschaften und andere Texte, singt und übt sich im Bühnenkampf, Bühnenfechten, Tai Chi und Akrobatik. Denn hinter dem Henker von Lüneburg verbirgt sich der Sprecher und Schauspieler Leif Scheele. Die Vita des gebürtigen Winseners kann sich sehen lassen: Erst jetzt stelle ich fest, dass ich ihn bereits 2017 auf der Bühne der KulturBäckerei gesehen habe. Damals stand er nämlich als Schwiegersohn von Ekel Alfred mit dem Thomas Ney.Theater in „Ein Herz und eine Seele“ auf der Bühne. Auf seiner Website findest Du ein paar wirklich gute Sprecherdemos. Ich bin schwer beindruckt, denn ich habe mich ja selbst einmal in der Kunst des Mikrofonsprechens versucht. Mein persönliches Highlight: Semmelrogge und Grönemeyer!

Somit bleibt mir nur, mich bei meinem Fast-Kollegen Leif Scheele noch einmal herzlich für die Einladung zu dieser Führung zu bedanken! Und Dir, lieber Leser, liebe Leserin meines Blogs, wünsche ich viel Spaß und gute Unterhaltung, wenn du Dich ebenfalls eines Tages mit dem Henker auf den Weg durch die Straßen und Gassen Lüneburgs begibst. Und denk daran: immer schön den Hals waschen 🙂

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2 Kommentare zu „Lüneburgs dunkle Seite – Stadtführung mit dem Henker

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