Zwischen Lüneburg und Wendland – zu Gast im Hause Wörterbunt

Sie entführt mich jedes Mal in eine ganz andere, fremde Welt. Eine Welt, nach der ich vielleicht eine mir bisher unbekannte Sehnsucht habe. Obwohl ich doch hier in meiner Welt so glücklich und zufrieden bin. Uns trennt nur eine halbstündige Autofahrt. Und in unseren Gesprächen stellen wir fest, dass wir eigentlich eine Menge gemeinsam haben.

Es ist bizarr, wenn ich die schicke Neubauwohnung im Hanseviertel verlasse, mich in das schicke, fast neue Auto setze und nach Nahrendorf-Kovahl fahre. Das gehört noch so gerade zum Landkreis Lüneburg, liegt aber am Rande des Wendlands. Und für die Autorin Iris Weitkamp liegt es gefühlt definitiv im Wendland. Das Wendland steht für mehr als nur einen Landstrich. Das Wendland ist ein Lebensgefühl, eine Welteinstellung. Iris Weitkamp lebt hier in einem mehr als 200 Jahre alten Haus – so genau kann man das nicht beziffern. Das spielt auch keine Rolle. Sie kann auch nicht mehr genau sagen, wann sie hier eingezogen ist. Zahlen sind nicht so ihr Ding, das stellt mich vor gewisse Herausforderungen. Ich bin ja ein Zahlenmensch, auch wenn ich mich mittlerweile eher zur schreibenden Zunft zähle. Beides miteinander geschickt zu verweben, ist im Journalismus gerne gesehen. Für eine Künstlerin hingegen sind Zahlen eher nebensächlich, und für eine Lebenskünstlerin sowieso.

Ich wage trotzdem den Versuch, ein wenig Chronologie in die Lebensgeschichte von Iris Weitkamp zu bringen. An einem Abend Mitte Juni sitzen wir mehrere Stunden zusammen – erst draußen im Garten, bis mich die Mücken zerfressen, dann an dem alten Holztisch in der Küche. Ich bin neugierig. Ich möchte wissen, wie man auf die Idee kommt, so ein altes Haus zu kaufen – in einem winzigen Dorf und für mich gefühlt am Ende der Welt. Woher man die Kraft und die Energie nimmt, aber auch das Fachwissen, um so ein Haus in einen halbwegs bewohnbaren Zustand zu bringen. Was das für ein Mensch ist, diese Iris, die ja eigentlich Anja heißt, aber dazu kommen wir später. Deren Geschichten mitten aus dem Leben gegriffen sind, auch dem Stadtleben, das sie selbst gegen das Landleben eingetauscht hat.

Wurde 1968 im Ruhrgebiet geboren, brach ein Studium ab, absolvierte eine Lehre und Gesellenjahre im Gartenbau und schloss ein Fachhochschulstudium zur Diplom-Finanzwirtin ab. Verplombte Schweinefleischtransporter, war für WZO und EU-Kommission tätig, arbeitete als Erntehilfe, putzte Toiletten, unterrichtete Flüchtlingskinder und fertigte Übersetzungen.

So fasst sie selbst ihre Geschichte zusammen. Es ist die Geschichte ihres „alten“ Lebens, als sie noch nicht Autorin war. Als Finanzbeamtin beim Zoll machte sie ihre Arbeit gerne und gründlich, heute im Münsterland, morgen in Brüssel, immer unterwegs und ganz schön im Stress. Bis ein äußerst unangenehmer Mitbewohner namens Morbus Crohn bei ihr einzog, der sie zwang, einen Gang zurückzuschalten. Das war 2004 oder 2005, so genau kommt es sich ja auch nicht. In dieser Zeit muss die Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben entstanden sein, und im Wendland fand Iris Weitkamp ihren Sehnsuchtsort. Mit ihrem Pferd Danny im Hänger zog es sie immer häufiger zu Wanderritten in den Norden Deutschlands. In der Wohnung im Münsterland war es laut und auch Danny fühlte sich in seinem Stall nicht wohl. Irgendwann 2007 oder 2008 kündigte sie ihre Wohnung, lagerte ihre Sachen ein, packte das Nötigste in den alten VW-Bus und das Pferd in den Anhänger, nahm einen Monat Urlaub und mietete sich eine Ferienwohnung ein paar Dörfer von ihrem heutigen Wohnort entfernt. „Ich wollte mich hier mal umfühlen“, so beschreibt sie es heute. Und erzählt, dass sie eigentlich schon auf der Autobahn wusste, dass es kein Zurück geben würde.

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An ihr geliebtes Pferd Danny, das leider mittlerweile verstorben ist, erinnert noch dieses Gemälde des Jagdmalers Horst Künne.

Schon nach kurzer Zeit war für Iris klar: hier gehöre ich hin. Sie nahm sich eine Zweizimmerwohnung in Kovahl und pendelte für vier Tage die Woche zur Arbeit, da sie ihre Stundenzahl aufgrund der Krankheit bereits auf eigene Kappe reduziert hatte. Aber das war natürlich keine Dauerlösung. Eine weitere gesundheitliche Krise beendete schließlich ihre Karriere als Finanzbeamtin. Ich habe den Eindruck, mehr möchte sie darüber gar nicht sagen, also bohre ich nicht weiter.

Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich woanders eine neue. Eine abgedroschene Phrase oder eine alte Weisheit? Aber genau so war es: Iris Weitkamp schrieb die Geschichte ihres lästigen Mitbewohners auf. Herauskam ein Buch: „Mein Morbi und ich“.  Ein Mut machender Erfahrungsbericht. Nicht ganz überraschend wurde es kein Beststeller – wer setzt sich schon freiwillig mit einer Darmkrankheit auseinander? Doch es gab gute Kritiken, nicht nur von Betroffenen. Und es brachte Iris Weitkamp zum Schreiben. So gesehen war das auch der Moment, an dem aus Anja Sparrer („klingt weder schön noch sieht es geschrieben schön aus“) Iris Weitkamp wurde. Ich verrate hier kein Geheimnis, denn Kenner wissen natürlich längst, dass man nur ins Impressum einer Website schauen muss, um den wahren Namen des Schöpfers zu erfahren. Wie es zu diesem Namen kam, musste ich sie natürlich fragen, und tatsächlich gibt es hierzu eine schöne Geschichte: In ihrem Freundeskreis gab es eine sehr nette Iris und einen ebenso netten Herrn Weitkamp, die sie gerne miteinander verkuppelt hätte. Dazu kam es leider nicht, doch so sind die beiden gewissermaßen in ihrem Pseudonym verkuppelt.

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Hereinspaziert in die gute Stube!

Der Abend vergeht und wir haben eigentlich kaum über ihre Bücher gesprochen. Ich möchte hier auch keine Buchrezensionen abgeben, die findest Du an anderer Stelle im Netz. Zugegebenermaßen habe ich noch kein ganzes Buch von ihr gelesen. Die Leseprobe von „Mein Morbi und ich“ fand ich jedoch äußerst erfrischend und unterhaltsam. Ich konnte mich sehr gut darin wiederfinden und mir vorstellen, dass ich mich ähnlich verhalten würde in einer solchen Situation: alle Symptome so lange es geht ignorieren – die Arbeit geht ja schließlich vor! – und dann hoffen, dass es mit einer kleinen OP erledigt ist. Aber so einfach macht es einem der Morbus Crohn leider nicht.

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Im Eingangsbereich des Hauses befindet sich dieses liebevoll selbstgestaltete Fliesenmosaik.

Auch die Leseprobe von „Als Inga aus dem Kirschbaum fiel“ gefällt mir sehr gut. Es ist ein Liebesroman über ganz unterschiedliche Menschen. Das neueste Buch von Iris Weitkamp „Blicke hinter offen Sichtliches“ schließlich, ein kleines Buch mit 14 Erzählungen, liegt halb-gelesen bei mir auf dem Nachttisch. Als ich im März das erste Mal bei ihr war, zur „Lesung mit Musike“ in ihrem alten kleinen Haus, das sie liebevoll „Haus Wörterbunt“ nennt, gab sie bereits einige Geschichten davon zum Besten. Es war ein kalter Winterabend, der stimmungsvoller nicht hätte sein können. Das gemütliche alte Haus tat das Seine, die Geschichten verzauberten mich und die Musik lullte mich ein. Auf dem Nachhauseweg kreuzte ein Reh meine Fahrbahn…. Ich schweife ab. Der eigene Klappentext beschreibt das Buch wohl am besten:

In vierzehn thematisch ganz unterschiedlichen Erzählungen bewegen sich Menschen aufeinander zu, voneinander fort oder nebeneinander her, doch warum …? Hinter Herausforderungen, Wandlungen und Träumen spürt Iris Weitkamp einer tiefen Naturverbundenheit sowie der Vielfalt menschlicher, gelegentlich nicht-menschlicher, Gefühle nach: In Freude oder Hoffnung schmeckt stets eine Prise Melancholie durch, in der Trauer das Glück, gesüßt mit mindestens einem halben Löffelchen Humor, sei er noch so dunkel verfärbt.

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Beim Leseabend konnte man sich einen Eindruck vom bisherigen Werk der Autorin machen.

Ich glaube, was mir an den Geschichten besonders gefällt ist die enorme Bandbreite zwischen Realem, Irrealem und fast Surrealem, zwischen Stadtleben und Landleben, Alt und Jung…. Für mich fast ein bisschen überraschend sind die Geschichten völlig aus dem Leben gegriffen. Aber was hatte ich denn erwartet? Dass hier, eine halbe Stunde von Lüneburg entfernt, dort wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen, nur Träumer, Spinner und Weltfremde wohnen? Die Personen in dem kleinen Erzählband sind verdammt real. Vieles scheint aus der „alten“ Welt von Iris Weitkamp zu kommen. Das alles kann man sich vermutlich nicht ausdenken, wenn man sein ganzes Leben auf dem Land verbracht hat. Die Millionärsgattin, die genug hat von ihrem Leben in emotionaler Armut, der Mann, der verzweifelt per Kontaktanzeige eine Frau sucht und dabei übersieht, dass die Richtige bereits vor ihm steht. Gut, nicht alles ist real. Manchmal beginnen auch Tiere zu sprechen und Gefühle verselbständigen sich. Doch genau das macht den Reiz des Buches aus. Vor allem aber ist es die Sprache, die mich begeistert. Ich kann es nicht besser beschreiben, lies am besten selbst. Mir muss bei einem Text immer an aller erster Stelle die Sprache gefallen. Dann ist die Geschichte fast nebensächlich. Hier stimmt beides.

Nun ist es doch so etwas wie eine Rezension geworden.

Iris3Wir müssen noch über das Haus Wörterbunt reden. Man kann die Autorin Iris Weitkamp nicht porträtieren, ohne über ihr Haus zu reden. Irgendwann war der Wunsch nach einem eigenen Haus da: „Ich wollte meine eigene Herrin sein.“ Tun und lassen was sie will, niemanden stören und auch nicht gestört werden. Und vor allem: selber machen, gestalten und kreativ sein! In das alte Haus – in ihrer münsterländischen Heimat bezeichnet man so etwas als Kotten, hier im Norden wohl eher als Kate – in der Nachbarschaft verliebte sie sich sofort. Bis es schließlich frei wurde und sie es kaufen konnte, war es aber ein langer Weg. Das Haus befand sich in einem sehr schlechten Zustand: keine Heizung, kein richtiges Badezimmer, ein Plumpsklo. Fortan lebte Iris Weitkamp auf einer Baustelle. Und die Arbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen, auch wenn es auf mich schon einen ziemlich fertigen Eindruck macht.

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Hier im Schreibstübchen wandern die wunderbaren Geschichten von Iris Weitkamp in den Laptop.

Bei meinem zweiten Besuch im Hause Wörterbunt bekomme ich eine exklusive Führung. Erst jetzt erschließt sich mir langsam, welchen Aufwand die Autorin hier getrieben hat – und über was für ein kreatives Potential sie verfügt! Das Fliesenmosaik im Eingangsbereich beispielsweise besteht aus Bauschuttresten von der Müllkippe kombiniert mit handgetöpferten Einzelstücken von befreundeten Töpfern. Mit dem Fliesenspiegel in der Küche verhält es sich ähnlich, nur dass einige preiswerte neugekaufte Fliesen hinzukommen. Das Badezimmer könnte ungelogen als ein Kunstwerk von Friedensreich Hundertwasser durchgehen. In die Fliesen in den verschiedensten Blau-Grau-Tönen sind Glasbausteine sowie abgeschnittene Flaschenböden eingearbeitet. Wie kommt man auf solche Ideen?

Das Wohnzimmer prägen – wen wundert’s? – in erster Linie eine Reihe von Bücherregalen. Einen Fernseher sehe ich nicht. Im Arbeitszimmer – dem „Schreibstübchen“ bestehen die Fensterbänke aus Baumstämmen und über dem alten Sofa hängt eine liebevoll ausgesuchte Kollektion von Bildern in ganz unterschiedlichen Rahmen. Iris Weitkamp hat ganz schön viel mit angepackt bei der Renovierung. Neben der Kreativität verfügt sie offenbar auch über viel handwerkliches Geschick. Natürlich mussten auch hier und da Profis ran.

Muss ich nun noch erwähnen, dass Iris Weitkamp sich für das Bedingungslose Grundeinkommen einsetzt? Ich möchte hier nicht politisch werden, da ich mich mit dem Thema (noch) nicht hinreichend auseinandergesetzt habe. Aber die Idee ist mir zumindest nicht unsympathisch.

Ich liebe unsere schicke Neubauwohnung und die Einbauküche, ich schätze die Vorzüge von Fußbodenheizung und Dreifachverglasung. Wenn ich aber wieder einmal Sehnsucht nach dem einfachen Landleben haben sollte, mich von der Natur und dem Lebensgefühl am Rande des Wendlands verzaubern lassen möchte, dann werde ich Iris/Anja fragen, ob ich sie noch einmal besuchen darf. Spätestens im Winter, wenn die „Lesungen mit Musike“ in die vierte Saison gehen (oder ist es die fünfte?), bin ich ganz sicher wieder einmal dabei.

Impressionen von der „Lesung mit Musike“ im März

Ein Kommentar zu „Zwischen Lüneburg und Wendland – zu Gast im Hause Wörterbunt

  1. Liebe Ruth,
    was für ein schöner Artikel. Beim Lesen fühle ich mich direkt in das Haus Wörterbunt hineinversetzt und deine liebevolle und anschauliche Beschreibung weckt in mir die Sehnsucht nach so einem Ort. Dein Text hat mir einen kleinen Gedanken-Urlaub ermöglicht.
    Außerdem finde ich die Lebenswege von Menschen spannend und bewundere Iris Weitkamp für ihre Energie.
    Herzlichen Dank für diesen Beitrag, Sabine

    Gefällt 1 Person

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