Ein Toast auf die Hansestadt! – Warum Lüneburg unbedingt einen Rednerclub braucht.

„Wir stehen hier auf dem alten Wasserturm, der uns einen traumhaften Blick über die Stadt erlaubt. Zu Ihrer Rechten sehen Sie das Museum Lüneburg. Die große Kirche direkt vor Ihnen ist die St.-Johanniskirche.“ – „Entschuldigen Sie bitte…“ – „Ja, mein Herr?“ – „Ich habe den Eindruck, dass der Turm dieser Kirche etwas schief ist. Stimmt das?“ – „Da haben Sie völlig recht! Ich erzähle Ihnen gerne, wie es dazu kam….“

Das hier ist keine Episode aus einer Stadtführung, an der ich einmal teilgenommen habe (obwohl… die Geschichte mit der St.-Johanniskirche habe ich aus der Eat-the-World-Tour). Es sind Elemente aus einer Rede, die ich vor kurzem in meinem Toastmasters-Club gehalten habe.

Vielleicht hast Du noch nie etwas von Toastmasters gehört? Ich möchte Dir gerne mehr darüber erzählen, denn ich finde, es ist eine tolle Sache. Ich erfuhr davon bei einem Treffen des englischen Stammtisches der Facebook-Gruppe Neue Freunde in und um Lüneburg vor mehr als zwei Jahren. Ein US-Amerikaner erzählte er, er sei Mitglied in einem Toastmasters-Club in Hamburg. Falls ich eine Gelegenheit suchte, mein Englisch zu praktizieren, dann werde er mich gerne einmal mitnehmen. In den Zeiten vor Corona trafen sich die Hamburg International Speakers (H.I.S.) in einem Raum nahe der Alster. Da wir uns zurzeit nicht persönlich treffen können, finden die Meetings virtuell über Zoom statt – und das ist für Dich die Gelegenheit, einmal hereinzuschnuppern, ohne gleich nach Hamburg fahren zu müssen!

Bildschirmfoto 2020-03-18 um 20.57.26Ein bisschen Geschichte kann ich Dir nicht ersparen. Toastmasters International wurde 1924 von Ralph Smedley in den USA gegründet. Smedley war zunächst bei verschiedenen CVJM tätig und begann Rhetorikclubs für High School Schüler zu gründen. Der erste Club, der den Weggang des Gründers überlebte, war der am 22. Oktober 1924 im CVJM von Santa Ana (Kalifornien) gegründete „Smedley Club Number 1“. Danach kam es zu einem rasanten Wachstum des Konzepts sowie der zugehörigen Organisation. Toastmasters International wurde im Dezember 1932 als Non-Profit-Organisation in Kalifornien eingetragen und löste sich damit vom CVJM[1]. Heute hat Toastmasters International 358.000 Mitglieder in mehr als 16.800 Clubs in 143 Ländern.[2]

Vorbereitete Reden, Stegreifreden und Bewertungsreden

Die Treffen der einzelnen Clubs folgen im Großen und Ganzen einem bestimmten Schema. So läuft es bei den Hamburg International Speakers ab: Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung wird zunächst ein Wort oder ein Begriff des Tages vorgestellt. Ziel ist es dabei, dass die Redner dieses Wort oder diesen Begriff in ihre Beiträge einbauen. Dann werden die unterschiedlichen Rollen vorgestellt: Es gibt einen Zeitnehmer, der die Zeit der einzelnen Beiträge misst, einen Füllwortzähler, der Worte wie „äh“, „ah“, „ähm“ etc. zählt, sowie einen Sprachstilbeobachter, der auf besonders gute Formulierungen oder Redewendungen achtet. Danach folgen in der Regel drei vorbereitete Reden. Nach jeder Rede haben die Zuhörer eine Minute Zeit, Ihr Feedback auf einem Zettel zu notieren, den sie dem Redner später geben können. Dabei ist es ganz besonders wichtig, dass diese Rückmeldung sehr achtsam und wertschätzend erfolgt! Der Zuhörer sollte dabei immer berücksichtigen, auf welchem Niveau der Redner ist und sich darauf konzentrieren, was besonders gut war. Aber auch konstruktive Verbesserungsvorschläge sind immer willkommen. Die Reden haben normalerweise eine Länge von fünf bis sieben Minuten.

147EB9D3-1313-473A-B47B-84A47AD7EEFA_1_105_c
Beim Sommerfest des Clubs durfte Piet auch dabei sein. Er hat aber meines Wissens keine Rede gehalten.

Nach einer kurzen Pause beginnt der zweite Teil mit den sogenannten Stegreifreden. Dieser Teil des Abends ist immer besonders unterhaltsam: Ein Moderator gibt ein Thema vor, zu dem die Teilnehmer spontan eine Rede von ein bis zwei Minuten halten können. Es kann sein, dass jeder Redner eine andere Frage bekommt, die er vorher nicht kennt. Es gibt aber noch viele andere Varianten, so beispielsweise das Ziehen von Postkarten mit Sprüchen oder Motiven, eine Auflistung von Fremdworten, Songtiteln, historischen Personen, es werden Gegenstände aus einem Beutel gezogen usw. – es gibt unendlich viele Möglichkeiten, diesen Teil des Abends zu gestalten. Dabei ist es gar nicht in erster Linie wichtig, dass dem Redner zu dem Thema etwas einfällt. Für viele, gerade neue Teilnehmer oder Gäste, ist es häufig der erste Schritt, sich überhaupt auf die Bühne zu trauen. Mit ein wenig Fantasie kann man aus jedem Thema etwas machen (mir gelingt es zum Beispiel regelmäßig, völlig unabhängig vom Thema, eine Geschichte über meinen Hund zu erzählen :-)). Hauptsache, man traut sich – und eine Minute ist schnell rum. Und wenn einem wirklich überhaupt nichts einfällt, darf man das einfach zugeben und wieder gehen. Das Allerwichtigste: auch dann gibt es Applaus vom Publikum und keiner wird ausgelacht.

56D41E18-D345-45F6-AFF3-3C4A42306F1A_1_105_c
Im vergangenen Jahr war die Präsidentin von Toastmasters Int. zu Gast in unserem Club.

Nach den Stegreifreden wird es „ernst“: Es folgt der Bewertungsteil. Zu jeder der drei vorbereiteten Reden aus dem ersten Teil gibt es eine Bewertungsrede. Das ist meiner Ansicht nach die Königsdisziplin. Denn der Redner hat nur wenig Zeit, sich vorzubereiten, sollte seinen Vortrag aber dennoch gut strukturieren und dabei auf wichtige Elemente der Rede eingehen. Auch hier ist wieder konstruktives Feedback die oberste Priorität: Was hat der Redner gut gemacht? Wo hätte er vielleicht etwas besser machen können? Welche Tipps kann ich dem Redner mit auf den Weg geben? Für eine Bewertungsrede braucht man schon ein bisschen Erfahrung. Ein wichtiger Tipp eines Toastmasters-Kollegen hat mir dabei einmal sehr geholfen: Ich stelle mir drei Fragen: 1. Was habe ich gesehen (Körpersprache, Bühnenpräsenz, Accessoires, technische Hilfsmittel etc.), 2. Was habe ich gehört (Inhalt, Struktur, Wortwahl etc.) und 3. Was habe ich gefühlt? Emotionale und persönliche Reden kommen meistens besonders gut an!

Äh, Ah, ähm….. – Füllwörter stören den Redefluss

Am Ende des Bewertungsteils folgen die Berichte des Zeitnehmers, des Füllwortzählers und des Sprachstilbeobachters. Darüber hinaus gibt es noch einen Gesamtbewerter, der den ganzen Abend zusammenfasst. Zum Schluss werden die Gäste gebeten, eine kurze Rückmeldung zu geben, wie es ihnen gefallen hat, bevor die Präsidentin des Clubs noch ein paar abschließende Worte sagt. Ein reguläres Meeting bei den Hamburg International Speakers dauert zwei Stunden.

In Hamburg gibt es derzeit sechs Clubs, in Stade gibt es zwei und in Buxtehude einen. Manche Clubs sind rein deutschsprachig, andere rein englischsprachig, wieder andere – wie die Hamburg International Speakers – zweisprachig. Wie aber kann es sein, dass es in Lüneburg noch gar keinen Toastmasters Club gibt? Ich bin oft gefragt worden, warum ich keinen gründe. Nun, das ist leichter gesagt als getan. Man braucht einen Raum, ein paar erfahrene Toastmaster, die bereit sind, im Vorstand mitzuarbeiten (selbstverständlich ehrenamtlich), man muss ordentlich die Werbetrommel rühren, sich um die Formalitäten mit Toastmasters Int. kümmern usw. Und vor allem braucht man potentielle Mitglieder. Aber die sollten sich doch finden – ein einer Stadt wie Lüneburg mit mehr als 75.000 Einwohnern und 10.000 Studierenden, oder?

A3F7E77F-1DAA-4E98-A527-ECA41CE59CE8_1_105_c
In Stade gibt es sogar zwei Toastmasters Clubs!

Was hast Du davon, wenn Du Mitglied in einem Toastmasters Club bist? Auf diese Frage hat sicher jedes Mitglied seine eigene Antwort. Hier ist meine:

  • Du lernst, vor anderen Menschen zu stehen und eine Rede zu halten. Dabei gibt es keinen Lehrer oder Trainer – die Mitglieder des Clubs lernen voneinander.
  • Du verbesserst Deine Sprachkenntnisse, falls Du die Reden in einer Sprache hältst, die nicht Deine Muttersprache ist (allerdings ist der Club kein Sprachkurs!)
  • Du gewinnst an Selbstvertrauen und Sicherheit.
  • Du kannst Dich darin üben, Feedback zu geben.
  • Du kannst lernen, Führungsverantwortung zu übernehmen, beispielsweise wenn Du ein Amt im Vorstand hast.
  • Du lernst interessante neue Leute kennen.

In jedem Fall entwickelst Du Dich weiter und hast dabei noch eine Menge Spaß! Das Ganze für einen kleinen Mitgliedsbeitrag (bei den Hamburg International Speakers beträgt dieser zurzeit 9 Euro/Monat zuzüglich einer einmaligen Aufnahmegebühr von 20 Euro). Die Treffen finden an jedem 1., 3. und 4. Mittwoch im Monat statt (1. – Workshop oder besonderes Meeting; 3. – Moderationssprache Englisch, 4. – Moderationssprache Deutsch). H.I.S. ist ein sehr multikultureller Club mit derzeit 50 Mitgliedern, die ihre Wurzeln überall auf der Welt haben. Bei den Treffen sind regelmäßig 15 bis 25 Mitglieder anwesend sowie einige Gäste. Du kannst bis zu drei Mal als Gast dabei sein, bevor Du Dich für eine Mitgliedschaft entscheidest.

A16E447C-E171-4E4B-A5AA-8F36081BB3A4_1_105_c
Im Sommer gibt es auch manchmal Outdoor-Meetings, wie hier im Sommer 2018 auf den Magellan-Terrassen in der Hafencity.

Ähnlich wie ein Clubtreffen folgt auch der Lernprozess einer gewissen Struktur. Als ich Mitglied wurde, gab es zwei Bücher, an denen man sich orientieren konnte. In dem einen waren die einzelnen Redeprojekte aufgeführt, die man der Reihenfolge nach abarbeiten musste. Bei dem ersten Projekt, dem sogenannten Eisbrecher, geht es zunächst einmal darum, überhaupt eine Rede zu halten und etwas über sich selbst zu erzählen. Dann folgen Schwerpunkte wie Struktur der Rede, Wortwahl, Körpersprache etc. Dabei sind die Themen grundsätzlich frei wählbar. Bei dem Redeprojekt, das ich oben erwähnte – meine virtuelle Lüneburg-Führung – ging es um stimmliche Vielfalt, daher hatte ich mir etwas mit verteilten Rollen ausgesucht. In dem zweiten Buch konnte man notieren, welche Rollen man übernommen hatte und sich dafür entsprechend von einem anderen Mitglied bewerten lassen.

Pathways: Das neue Toastmasters Online-Lernsystem

Kurz nachdem ich Mitglied wurde, begann Toastmasters International, ein neues Online-Lernsystem einzuführen: Pathways. In diesem Frühjahr lief die Übergangszeit aus, in dem man noch beide Systeme benutzen durfte. Ich muss gestehen, dass ich mich mit Pathways noch nicht so sehr auseinandergesetzt habe. Aber unsere Präsidentin Weiterbildung kann Dir da bestimmt weiterhelfen! Ich selbst war für mehr als ein Jahr Vizepräsidentin Öffentlichkeitsarbeit. Es war in erster Linie die lange Fahrtzeit nach Hamburg, die mich am Ende davon abgehalten hat, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren: für ein zweistündiges Treffen bin ich bei der Anreise mit der Bahn ungefähr fünfeinhalb Stunden von zuhause weg. Wenn wir einen Club hier in Lüneburg hätten, würde das ganz anders aussehen.

An die Ehrgeizigen unter Euch: für bestimmte Fortschritte und Erfolge im Programm erhält man Auszeichnungen und Abzeichen. So haben wir beispielsweise einige Mitglieder, die den Titel „Distinguished Toastmaster“ (DTM) tragen. Das macht sich auf jeden Fall gut im Lebenslauf 😉 Außerdem gibt es Redewettbewerbe auf Clubebene, bei denen die Gewinner dann auf der nächsthöheren Ebene, der Area, gegen andere Mitglieder antreten, von dort aus geht es auf die nächste Ebene usw. Einmal jährlich findet dann ein weltweiter Kongress statt – normalerweise in den USA, dieses Mal sollte er eigentlich in Paris stattfinden, muss aber leider verschoben werden.

Das Video meiner Lüneburg-Rede (auf englisch) findest Du auf meinem Instagram-Kanal. Die Rede habe ich zuhause beim Zoom-Meeting gehalten. Da es mit dem Aufzeichnen leider nicht ganz geklappt hat, haben wir es hinterher noch einmal nachgestellt.

6213D450-A594-4F87-944C-EA6043728508_1_105_c
Es ist jedes Mal ein Angang für mich, eine Rede zu halten – aber hinterher ist es immer ein tolles Gefühl!

Falls Du bei unserem nächsten Online-Meeting dabei sein möchtest, schicke mir gerne eine persönliche Nachricht und ich sende Dir den Einladungs-link. Vielleicht hast Du ja auch Lust, hier in Lüneburg zusammen mit mir einen neuen Club aufzumachen? Dann können wir eines Tages gemeinsamen einen Toast auf Lüneburg aussprechen!

Ein Toast auf Lünburg!

[1] Quelle: Wikipedia

[2] Quelle: Toastmasters International

Ein Kommentar zu „Ein Toast auf die Hansestadt! – Warum Lüneburg unbedingt einen Rednerclub braucht.

  1. Danke für deine ausführliches Portrait der Hamburg International Speakers, liebe Ruth! Ich hoffe, die tolle Stadt Lüneburg bekommt bald einen tollen Toastmasters Club. Sie hat es schon lange verdient.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s