Nicht nur für große Jungs: Mit der Kleinbahn von Lüneburg nach Bleckede

Mit einem grellen Pfeifton verlässt der dunkelrote Triebwagen, Baujahr 1955, um 12.15 Uhr den Bahnhof Lüneburg auf Gleis 4. In dem angehängten dunkelgrünen Waggon, Baujahr 1929, ist ein Abteil für die SPD reserviert. Auch Oberbürgermeister Ulrich Mädge (Baujahr 1950) reist an diesem Sonntag mit. Unsere Fahrräder sind im Güterwagen verstaut und wir haben Plätze im Triebwagen reserviert. Die grünen Ledersitze haben schon bessere Zeiten gesehen, aber für die knapp einstündige Fahrt nach Bleckede sollte das kein Problem sein. „Freundliche Hunde“ reisen kostenlos mit, verkündet ein Schild. Aber unser Piet ist zu diesem Zeitpunkt gerade zwei Wochen alt und schlummert vermutlich friedlich an der Mutterbrust.

Schon als ich im Mai die altmodischen gelb-weißen Fahrscheine aus Pappe in der Hand hielt, kam Vorfreude auf und Kindheitserinnerungen wurden wach. Ich habe meinem Mann zum Geburtstag (Ende Mai) eine Fahrt mit der Bleckeder Kleinbahn geschenkt, und nun (Ende August) ist es endlich soweit.

Bis alle Reisenden ihre – reservierten oder nicht-reservierten – Plätze gefunden und eingenommen haben, dauert es etwas und es herrscht Gedränge und Geschiebe in den Gängen. Mein Mann, dem das Glück ja meistens hold ist, hat unsere Plätze gleich zielsicher angesteuert. Der Zug rumpelt ordentlich, wie es sich für so ein altes Gefährt gehört. Manfred Buttgereit ist ein Schaffner wie er im Buche steht und trägt eine dunkelblaue historische Uniform mit stattlicher Schirmmütze. Gegen ein Foto hat er nichts einzuwenden – nachdem er die Fahrscheine ordnungsgemäß gelocht hat. Auf Wunsch wird uns gegen ein Entgelt von 2 Euro ein Bier in der 0,33 Liter Flasche serviert.

So gestärkt, wage ich einen Blick ins Führerhaus. Selbstverständlich möchte ich keines der interessierten Kinder von dort vertreiben. Aber ein paar Fotos und einige Worte mit dem Lokführer sind drin. Und auch er hat nichts gegen ein Foto einzuwenden. 70 Kilometer pro Stunde sind erlaubt, sagt das Schild. „Auf dieser Strecke können wir aber nur maximal 50 fahren“, erzählt der Lokführer. „Ganz schön schnell!“ Eines der Kinder ist beeindruckt. „Das ist relativ“, bemerke ich. Und der Lokführer ergänzt: „Der ICE fährt bis zu 300 Stundenkilometer!“ Ich finde es gerade herrlich entschleunigend, mit 50 Stundenkilometern durch den Wald zu tuckern.

An jedem noch so kleinen Bahnhof wird kräftig gehupt, manchmal ist es nur ein Feldweg, den wir überqueren. An insgesamt sechs sogenannten Bahnhöfen hält der Zug zwischen Lüneburg und Bleckede. Manche von ihnen geben sich nur durch ein Schild zu erkennen.

Das Biosphaerium im Schloss Bleckede

In Bleckede angekommen, werden uns die Fahrräder unbürokratisch ausgehändigt. Wir machen uns auf den Weg, die Gegend zu erkunden. Zunächst schauen wir uns den Fähranleger an. Hier verkehrt die Fähre nach Neu-Bleckede (Amt Neuhaus), aber das soll heute nicht unser Ziel sein. Auch wenn Amt Neuhaus aufgrund seiner besonderen Geschichte immer wieder zum Stadtgespräch wird. Denn die Gemeinde auf der anderen Seite der Elbe liegt am Rande von Mecklenburg-Vorpommern und war früher Teil der DDR. Seit 1993 gehört Amt Neuhaus zum Landkreis Lüneburg und somit zu Niedersachsen. Das geschah damals auf einstimmigen Wunsch der Gemeinderäte, aber bis heute sind nicht alle Anwohner glücklich darüber.

Wir entscheiden uns für einen Abstecher zum Schloss Bleckede. Dort befindet sich das Biosphaerium Elbtalaue. Eigentlich möchten wir nur auf den Aussichtsturm, von dem aus man einen herrlichen Blick weit über die Elbtalauen hat. Die Eintrittskarte für schlappe 2 Euro beinhaltet aber auch den Besuch einer Ausstellung, der Biberanlage und der Aquarienlandschaft. All das absolvieren wir im Schnelldurchgang, da es uns bei dem schönen Wetter nach draußen zieht und wir uns noch etwas bewegen möchten.

Den Besuch dort kann ich aber unbedingt empfehlen, gerade für Familien mit Kindern (Familienkarte 5 Euro). Hunde sind leider nicht gestattet. Die Wanderung entlang der Elbe haben wir übrigens an diesem Ostermontag nachgeholt – nur falls sich jemand über die Narzissen auf den Fotos wundert 😉

Ich habe jedoch heute ein anderes Ziel, Rote Rosen lässt grüßen. Wir wollen einen Abstecher nach Neetze machen. Denn südlich von Neetze in Süttorf liegt der Krusenhof – Fans der Serie besser bekannt als „Gut Flickenschild“. Von Bleckede nach Neetze wählen wir die etwas längere Strecke (gut 10 Kilometer) über Bleckedermoor, da sie uns landschaftlich interessanter erscheint. Von Neetze aus sind es dann nur noch drei Kilometer nach Süttorf. Der alte Gutshof liegt dort wirklich traumhaft und könnte keine schönere Kulisse für eine Seifenoper sein! An einer Scheune hängt noch das Schild „Sattlerei Oberberg“. Der Sattlermeister Tilmann Oberberg spielte ja in der vergangenen Staffel eine wichtige Rolle. Ach ja, hier mal beim Außendreh Komparsin sein, das hätte schon etwas…..

Für den Rückweg nach Neetze entscheiden wir uns für eine andere Strecke, der Abwechslung halber und weil der Weg durch den schattigen Wald führen soll. Schließlich haben wir unsere Smartphones dabei und mit Google Maps sollte das ja kein Problem sein. Der Weg wird jedoch nach und nach sandiger und ist mit herkömmlichen Fahrrädern eigentlich nicht zu befahren. Ich muss immer wieder absteigen und schieben. Auch das Handynetz verlässt uns irgendwann.

Flexibilität ist alles: Rückfahrt ab Neetze

Mit Google Maps auf dem Fahrrad im Wald – eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Irgendwie schlagen wir uns schließlich zur Landstraße durch, die von Bleckede nach Neetze führt. Uns rennt langsam die Zeit weg, denn der Zug, der um 17.17 Uhr ab Bleckede fahren soll, wird nicht auf uns warten. So entschließen wir uns, der Landstraße Richtung Neetze zu folgen und dort einzusteigen, denn dort wird der Zug erst neun Minuten später abfahren. Angekommen in Neetze, müssen wir lediglich noch die Herausforderung meistern, den Bahnhof zu finden. Denn der ist wirklich kaum als solcher zu erkennen. Und wir sind nicht die einzigen, die hier ein wenig irritiert schauen.

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Suchbild: Finde den Bahnhof!

Ende gut alles gut, wir schaffen es pünktlich zum Zug und genießen die Rückfahrt. Wir sind ganz schön platt, denn es war ein heißer Tag und am Ende haben wir doch ungefähr 30 Kilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt. Als wir in Lüneburg ankommen, verabschiedet sich der freundliche Schaffner von den Mitreisenden und bekommt reichlich Applaus. Und vielleicht hat der eine oder andere ja auch noch eine Spende für den Verein, die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg e.V. (AVL) in das bereitstehende Ölkännchen getan.

Saisonbeginn der Bleckeder Kleinbahn am 1. Mai

Warum ich diese Geschichte ausgerechnet jetzt veröffentliche? Die Bleckeder Kleinbahn hat Winterferien gemacht. Am 1. Mai beginnt die neue Saison. Sei also schnell, sicher Dir rechtzeitig die Fahrkarten und freue Dich auf eine Fahrt mit dem historischen Zug! Und vielleicht werden ja auch bei Dir Kindheitserinnerungen wach.

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